Die Seele des Tangos zwischen Argentinien und Europa – Treffen mit Alejandro Fasanini von Federica Nardacci. Neues Trends Magazin

Die Seele des Tangos zwischen Argentinien und Europa – Treffen mit Alejandro Fasanini von Federica Nardacci. Neues Trends Magazin

Die Kunst von Alejandro Fasanini zu definieren ist nicht einfach. Seine vielen Facetten und Interessen machen ihn zu einem komplexen Künstler, der trotzdem Ursprünglichkeit und Natürlichkeit übermittelt. Neben seiner musikalische Ausbildung am Konservatorium von Buenos Aires, seinem Studium der Komposition und Instrumentierung, dem Erlernen des Saxophons, der Gitarre sowie des Bandoneons hat er auch großes literarisches Interesse, das ihn in der Vergangenheit dazu brachte einen Verlag und ein Literatur-Magazin namens „El Poeta“ zu gründen.

Bei all dem hatte Fasanini stets einen besonderen Fokus auf das mysteriöse des Unterbewussten, dem menschlichen Wesen. Deshalb scheint seine neuste musikalische Produktion, Intuición Tango, eine Darstellung so vieler Portraits oder Geschichten zu sein, wie zum Beispiel einiger weiblichen Figuren: Alessandria Hypatia und Irena Sendler, bekannt durch die Rettung von ca. 2500 jüdischen Kindern; aber auch die Evokation dramatischer Episoden wie die Tötung der 186 Kinder in der Beslanschule.

Aus rein musikalischer Sicht ist es schwer über die Tango CD zu reden; Tatsächlich scheint es die Transzendenz des Tango zu sein. Bachs Geist lauert mit viel Kraft, während er Hand in Hand geht mit den vielen zeitgenössischen Effekten der zeitgenössischen Musik. „Ich höre zwei Stunden am Tag Bach“ gesteht Alejandro, der angibt sein Ziel sei nicht die Realisierung eines klassisches Tango Orchester, sondern vielmehr eine musikalische Suche die fast über die Idee des traditionellen Orchesters hinausgeht. Und seine neuste Produktion ist der Beweis dafür. „Die Musik auf dieser CD kam spontan, und ich habe es akzeptiert. Natürlich steckt hinter einer musikalischen Kreation das Wissen, aber es gibt auch einen großen Anteil der über die Technik hinausgeht. Ich persönlich bevorzuge Kunst, die über Ästhetik, über die Einordnung von Schönheit und Hässlichkeit hinausgeht. Natürlich steckt hinter dieser Überlegung ein Weg inneren Wachstums, der auch durch Meditation entsteht. Ich habe gelernt, keine vorgefasste Meinung zu haben, sondern Dinge durch aufmerksame Beobachtung und Intuition zu verstehen.“

Aus dieser direkten Herangehensweise an das Leben und die Kunst, aus der Sublimation extremer Sensibilität gegenüber Klängen entstand das Werk Fasaninis: Intuición Tango. Seine letzte Platte trägt den Namen Tentación. Warum diese Titel? Frage ich ihn: „Tentación beschreibt meine Nostalgie für Buenos Aires, nachdem ich in Italien angekommen war. Die Entstehung der ersten CD war komplett anders, auch was die Zeit angeht. Nachdem ich die Partitur abgeschlossen hatte dauerte es acht Jahre bis zur Aufnahme. Die Schwierigkeit war, die richtigen Musiker zu finden, die mit meiner eigenen Sprache harmonieren würden. Auf dieser Suche traf ich durch Zufall Giampaolo Costantini…“.

“Es war 2005“sagt Costantini, „ ich stieß im Internet zufällig auf seine Musik und schrieb ihm direkt. Ich bin froh es getan zu haben: Alejandro ist ein außergewöhnlicher Charakter und ich habe es langsam geschafft, seine Welt zu betreten während ich meine eigene Identität als Künstler behalte. Trotz unserer Vielseitigkeit teilen wir nun eine gemeinsame Sicht.“

Alejandros Herangehensweise gibt uns einen Eindruck einer überwältigenden Persönlichkeit und zudem die Komplexität der Faktoren die zu seiner Musik beitragen. Dementsprechend bitte ich Costantini zu erklären was es heißt, Seite an Seite mit einem solchen Komponist zu arbeiten: „Im Grunde stellt der Musiker, der kommt bevor die Musik geschrieben ist, ein Problem der Interpretation dar: Welche musikalischen Entscheidungen kann er treffen ohne sich über die Gedanken des Komponisten hinwegzusetzen oder diese zu verzerren?…“

„Diese schwarzen Punkte auf dem Blatt“ – greift Fasanini ein – „Ich bin nicht die Musik… Musik ist die Beziehung die zwischen dem Komponist und dem Interpreten hergestellt wird, das Teilen von Emotionen. Es kommt auf die Übertragung und die Gegenübertragung an. Auf der anderen Seite ist es für den Komponist die Schwierigkeit, zeitgenössische Ideen zu behandeln, während man gleichzeitig an all die großen Personen und Komponisten der Vergangenheit denkt, denen wir dankbar sein sollten. Das Studieren der Vergangenheit muss dann nicht als eine verbissene Nachahmung verstanden werden, sondern als eine Quelle, von der aus man beginnt, neue Musik zu erschaffen. Die Geburt einer neuen Idee ist für mich eine Vibration. Ich persönlich hatte nie Angst vor dem weißen Blatt. Wenn ich mich hinsetze um meine Hand auf das Blatt zu bringen, ist die Musik bereits da.“

„Unser Problem wird es“ – setzt Giampaolo ironisch fort – „ wenn wir es spielen müssen..!! Ernsthaft, in Wahrheit übermittelt Alejandro bereits die Musik, wenn er sie schreibt. Fast unmittelbar teilt er sie. Und wir heißen sie respektvoll willkommen. Der überwältigende Aspekt liegt darin, dass die verschiedenen Elemente des Schreibens nicht nur beabsichtigt sind für die verschiedenen Instrumente, sondern für jeden einzelnen der Instrumentalisten, für jeden einzelnen von uns, indem er auf unsere künstlerischen Identitäten eingeht. Eine weitere Hauptverantwortung… unsere Verantwortung ist es, eine Stimmung einzufangen und zu versuchen, sie wiederzugeben. Es ist schwerer es zu beschreiben als es zu spielen. Wir haben uns alle schon dieser unglaublichen Aufgabe gestellt. Und Alejandro arbeitet mit jedem einzelnen separat um das beste Ergebnis zu erzielen. Keiner kannte das finale Ergebnis. Erst am Ende, ein paar Tage vor der Aufnahme, trafen wir uns für einen Durchgang in voller Länge. Eine verrückte Sache, ein Wahnsinn! Als ich die Partitur erhielt, sagte ich, ich würde niemals so etwas machen! Ich hatte das Blatt mit schwarzen Punkten vor mir, jedoch ohne zu verstehen was er wirklich wollte. Wir haben die Komposition dann während dem Aufnehmen entdeckt und wir fühlten uns wie Alice im Wunderland…“

Alices fantastisches Bild des Wunderlandes lässt uns die Stimmungslage der Musiker verstehen, die fühlten, dass sie komplett zu der mysteriösen Aura gehörten, die Fasanini erfolgreich geschaffen hatte. Tatsächlich sprach er zu Beginn von der Zaghaftigkeit und Nähe mit der diese Musik entstanden war. Daher fragte ich ihn nach der Entstehung:

„Eines Morgens wachte ich auf mit dem Bild eines Traums: Riccardo, mein Gitarrist, umarmte seine schwangere Frau (sie war tatsächlich schwanger zu der Zeit); Beide waren nackt. Mit diesem Bild im Kopf setzte ich mich an den Tisch und schrieb die Melodie der Fugue (erste Stimme). Direkt danach den Kontrapunkt, dann die dritte. Ich sagte mir: Jetzt reicht es. Aber nein! Es folgten die vierte und fünfte direkt danach. Dabei heraus kam ein 5/4 Fugue mit einem Soggetto und 4 Controsoggetti, in fünf Minuten… Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. Sobald ich aufgehört hatte zu schrieben, klingelte das Telefon: Es war Riccardo, der mir von Lindas Geburt berichtete. Unglaublich… Meine Musik war eine Geburt. Ich fühlte, dass ich das Stück der neugeborenen Linda widmen musste.“ Eine außergewöhnliche Episode „ist die Überraschung des Geistes die man nicht erwartet“, sagt Alejandro „Ich bin nicht wirklich gut in ‚Denken und Rationalität‘“.

Und deshalb findet seine Arbeit mit seinen Musikern ohne rationale Regeln statt. „Um ein Beispiel zu nennen“, sagt Giampaolo „erst am Abend vor der Aufnahme, nachdem ich meine Partitur mit ihm alleine geprobt hatte und wir die ganze Komposition ignorierten, stellte ich fest, dass der Beginn der Fugue ein ‚a solo‘ war. Adrenalin bis in den Himmel. Eine außergewöhnliche Energie.“

Diese Erfahrung teilt Giampaolo mit allen Musikern der Gruppe, die nicht nur wegen ihrer künstlerischen Fähigkeiten, sondern auch und vor allem wegen ihrer Verbindung zu Alejandros Ideen ausgewählt wurden. Und der argentinische Komponist ist sich der außerordentlichen Natur der Künstler in seinem Umfeld sehr bewusst. Er möchte jeden einzelnen Alejandro nennen, „weil sie die unentbehrlichen Protagonisten dieses wichtigen Musikprojekts sind.“

Ein Projekt, das mit viel geringeren Erwartungen begann, und stattdessen letztendlich von Rai Trade produziert wurde. „Ein paar Tage nach dem Ende des Mischens“, sagt Fasanini, „bekam ich einen unerwarteten Anruf von Rai Trade, die mich baten Sie zu kontaktieren. Ich rief zurück und sie baten mich, ihnen das Stück zu schicken. Direkt am nächsten Tag wurde mir mitgeteilt, dass das Material genehmigt wurde und zur Produktion gesendet wurde. Es würde ungefähr drei Monate dauern, sagte man mir. Der künstlerische Leiter von Rai war so begeistert, dass er bereit war, den Vertrag direkt einzureichen. Unglaublich. Ich bin überzeugt, dass es passierte weil sich etwas in mir verändert hatte.“

Auch wenn sie die Seele des Tango besitzt, ist seine Musik wahrlich weit vom Traditionellen entfernt. Alejandro ist nicht nur Komponist und Bandoneon Spieler, er tanzt auch Tango. Ich frage ihn, in welchem Stadium seiner Beziehung mit dem Tanz er derzeit ist: „Ich habe 25 Jahre den Tango gelehrt, aber ich bin rausgekommen. Heute ist der Tango eher eine Figur, eine Performance. Stattdessen wollte ich Leuten dabei helfen zu umarmen, zu gehen, zu atmen, zu meditieren. Musikalität, die Wahrnehmung des musikalischen Ausdrucks. Mit der Musik gehen… Ich möchte hier nicht gerne ein strenges Urteil fällen, aber diese tiefere Seite des Tango Tanzens ist derzeit sehr vernachlässigt. Und dann habe ich die Geschichte des Tangos studiert, sogar während meiner Jahre am Konservatorium. So begann mein Schlag für das Sammeln von CDs. Ich muss ungefähr zwanzig tausend von ihnen haben und ich habe sie alle katalogisiert, eine richtige Platten Bibliothek: mindestens 45.000 Excel-Themen. Eine sehr lange und anstrengende Arbeit…“. Wenn man an die Milonga goers denkt, die „tanzbare“ Musik erwarten und daran, dass Intuition definitionsgemäß nicht sicher ist, fragt man sich, was Alejandro denkt, welchen Anklang sein Werk findet.

„Es ist klar, dass dies keine Platte für die Milonga ist; aber es ist nicht einmal zeitgenössische Musik, da es kein Avantgarde-Tango ist. Vielleicht ist es alles zusammen. Ganz sicher ist es Konzert-Musik, die keine visuelle Unterstützung durch Tänzer benötigt. Jeder Tango in seiner Arbeit, sogar wenn er mit Bach Themen gemischt ist, ist immer noch Tango.“

„Du musst den Tango kennen“, sagt Costantini, „um die Musik zu verstehen. Um Mozart oder Rossini zu spielen, musst du den Ausdruck etc. kennen.“

Bach in den Tango zu bringen ist definitiv etwas riskant, wie ich finde. Man muss wissen, wie man es auf eine geniale Art und Weise macht, und ich denke Sie haben es perfekt hinbekommen, wenn man bedenkt, dass es kein Zitieren sondern eine neue Sprache ist die Sie einbringen. Wie ist die Reaktion des Publikums bei Ihren Konzerten?

„Ich erinnere mich an ein unglaubliches Erlebnis in Frankreich, wo wir von einem Freund gerufen wurden, um in einer kleinen Stadt zu spielen. Als wir ankamen, wurden wir zuerst wie Musiker zweiter Klasse behandelt: Sie wollten uns bezahlen, indem sie uns Essen anboten. Sobald das Konzert begonnen hatte, füllte sich der Raum mit Menschen. Am Ende bekamen wir einen Applaus von ungefähr acht Minuten. Ein Triumph. Danach änderten die beeindruckten Veranstalter ihre Einstellung uns gegenüber und boten uns alles erdenkliche an. Fakt ist: Die Musik muss in den Vordergrund gestellt werden, um ihren Namen zu ehren.“ Ich denke sie beziehen sich auf die Schwierigkeit, Ihre Musik in einem Land, in einer Welt zu etablieren, in der die Anerkennung künstlerischer Werte an zweiter Stelle hinter der oftmals hohlen Fassade kommt… „Das ist definitiv so“ antwortet er mit leichtem Bedauern. „Musik ist ein pragmatisches und non-ästhetisches Medium, denn sie ist in der Lage, den Menschen zu ändern und ihn in einen Zustand des Wohlfühlens zu versetzen. Sie verändert dich physisch und mental. Sie kann sogar verändern, wie die Materie wahrnehmbar wird.“

Neues Trends Magazin – Federica Nardacci

 

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